Als wir vor einem Jahr das erste Weltcuprennen nahe der türkischen Stadt Kayseri gefahren sind, war ich vom Skigebiet am Erciyes, einem 4.000 Meter hohen Schichtvulkan, und vom Zuschauerinteresse begeistert. Es war extremer Nebel und trotzdem war das Rennen ein Highlight für die Region. In diesem einen Jahr seither ist sehr viel passiert in der Türkei. Wem Kayseri als Weltcup-Ort nichts gesagt hat, dem sagt die Stadt vielleicht seit 17. Dezember was: bei einem Bombenanschlag auf einen Bus starben dort 15 Menschen.

Als letzter WM-Test steht Samstag in Kayseri wieder ein GS auf dem Programm. So gerne ich gestartet wäre, so gut ich noch ein Top-Resultat im GS gebrauchen hätte können, so sehr eine Top 3 Platzierung im Gesamtweltcup mein Ziel war: Nach langem Hin und Her habe ich mich dazu entschieden, nicht in die Türkei zu fahren! Ich sehe keinen Grund, meinen wahren Beweggrund dafür zu verschweigen: Ich habe kein gutes Gefühl dabei. 

Die typische „Na geh bitte, wird schon nix sein“-Selbstbeschwichtigung habe ich mir tagelang vorgesagt, sie ändert nur nichts! Der ÖSV wollte uns erst gar nicht hinschicken. Wir Athleten im Team, anfänglich auch noch ich, wollten aber dennoch fahren. Also haben wir eine Erklärung unterschrieben, dass wir auf eigene Gefahr hinfahren und teilnehmen und der ÖSV keine Verantwortung übernimmt. Gab´s so auch noch nie.

Jetzt wurde dann auch noch meine persönliche Internetseite gehackt, samt kryptischem Bekennerhinweis. Und die Reaktion der FIS auf eine offizielle Anfrage zur Lage in Kayseri war dann für mich auch nicht beruhigend, sondern ausschlaggebend für meine Entscheidung, meine Teilnahme zurückzuziehen. Sinngemäß stand im Brief, wir sollen uns wegen der Sicherheit beim Weltcup doch bitte keine Sorgen machen, es seien Gendarmerie, Polizei, Geheimdienste und private Sicherheitskräfte im Dauereinsatz. Wir Athleten hätten permanenten Polizeischutz und während Training und Rennen seien zusätzlich auch noch Scharfschützen entlang der gesamten Piste postiert.

Noch Fragen?

Ich habe mir die Entscheidung nicht einfach gemacht. In Bad Gastein bin ich mit Trümmerbruch und externem Fixateur am Finger gefahren. Ich bin normal diejenige, die als erste in einen Hang dropped, auch wenn es gefährlich aussieht. Trotzdem: DAS Ganze hier macht mich einfach unrund. Die Entscheidung, auf mein Gefühl zu vertrauen und hier zu bleiben ist für mich schwieriger, als stur hinzufliegen. Egal welche Entscheidung man trifft, sie kann immer irgendwie interpretiert werden. Und ja, du wirst schwindlig, wenn du versuchst, da alle Ebenen durchzudenken. Am Ende muss es eh jeder für sich selbst wissen.

Für mich gilt: Sorry, ich bin nicht Snowboarderin geworden, um unter Polizeischutz und bewacht von Scharfschützen Rennen zu fahren. In einem Land, dass aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung einfach keine Sicherheit garantieren kann. Ich betone: Das ist meine ganz persönliche Sichtweise. Ich respektiere natürlich, dass andere Athleten sich in diesem Fall anders entschieden haben.

Ich werde mich jetzt gemeinsam mit Anke Karstens (GER) noch intensiv auf die WM in Sierra Nevada vorbereiten. Ich kann die Pistenbedingungen nutzen und mich noch besser auf mein Material einstellen. 

Und wieder einmal bin ich unendlich dankbar, dass ich in einem Land wie Österreich leben darf.

Ich freue mich auf ein sonniges Sierra Nevada. Focus on für die WM.

Eure Julia