Da steht dieser einsame, mächtige Gipfel vor mir. Nein: Ich stehe auf seinem Fuß und er nimmt es locker. Es ist 17 Uhr. Der extrem steile Aufstieg, der vor uns liegt, fällt unter Workout. Daheim bräuchte man über Startzeit 17 Uhr im hochalpinen Gelände nicht mal nachdenken. Hier? Bleibt es bis 22 Uhr hell. Apropos hell: Der Berg toleriert eines ganz sicher nicht – den kleinsten Fehler. Schritt für Schritt, also. Keine Luft zum Reden, viel Zeit zum Nachdenken.

Ich habe klettern schon als Kind geliebt. Als Kind des Burgenlandes waren meine „Berge“ die Bäume. Sobald ich wusste, dass ich es bis ganz oben schaffte, bin ich mit geschlossenen Augen geklettert. Dass ich dabei einmal daneben gestiegen bin, fällt mir auch gerade wieder ein, beim Aufstieg. Am Berg zu sein, der eigenen Trittsicherheit in jedem Moment zu vertrauen, ist Lebendigkeit pur. Entwickelt habe ich sie auf den Bäumen in Sulz. Es sind Skills der Kindheit. Entwickeln konnte ich sie, weil meine Eltern mich gelassen haben, mir Bewegungsräume gezeigt und eröffnet haben. Dafür bin ich unendlich dankbar, denn so habe ich früh gelernt, was es bedeutet, trittsicher zu sein.

Jetzt ist es doch schneller gegangen, als gedacht. Nach ungefähr einer Stunde hiking stehen wir auf diesem namenlosen Gipfel. Reden nicht, staunen nur – was für eine Stille! Was für ein Weitblick! Nie habe ich die Faszination Berg intensiver gespürt, als in diesem Moment. Ich koste ihn aus. Und lege dann den Fokus auf – richtig: meine Linie. „Fokus und Linie“ ist das, was ich mir bei meinem Olympiasieg auf die Handschuhe geschrieben hatte. Fokus und Linie ist ein Lebensprinzip. Auch hier. Auch heute. Gerade jetzt. „This is going to be one hell of a ride“, sagt der Guide. Hat er Recht. 65 Grad Neigung, unberührter Champagne-Powder. Was für ein Geschenk. Ich sammle mich kurz und gehe die Linie zwei, drei Mal durch. Fokussiere mich. Atme tief. Drop…

In mir pulsiert alles. Die Schwünge sind die pure Leichtigkeit. Flow, dieses Hochgefühl, das so schwierig zu beschreiben ist und einen so trägt: jetzt ist es in mir, in jeder einzelnen Zelle. Auf so einem Berg trainierst du die Entschlossenheit, zaudern lässt diese Challenge in keiner Sekunde zu. Insofern ist auch die Fahrt hier im Powder ein wichtiges Element für meine Reise nach Pyongchang 2018.

Ich bin Adrenalin. Diese unfassbare Natur, diese Abfahrt, ich bin geplättet und gebettet – denn hier, mitten im Nirgendwo eines Gletschers in Alaska, erlebe ich gerade einen Lifetime-Moment, etwas, das ich nie, nie wieder vergessen werde. Vor uns liegen eineinhalb Stunden Fahrt am Sled zurück zum Camp am Thompson Pass. Am Weg zurück ein kurzer Zwischenstopp bei einer beeindruckenden Eishöhle – ich habe mich selten zuvor so sehr auf eine heiße Dusche gefreut. Tage wie dieser sind nur so besonders, wenn man sie teilt. DANKE Georg! Ich habe mit meinem Bruder gemeinsam schon so viel erlebt und all die Erlebnisse bleiben Begleiter.

Wir hatten diesen Wonder-Run, da kümmert uns Schlechtwetter am nächsten Tag wenig. Wir fahren über Valdez nach Homer mit Stopp in Anchorage. Hot-Session-Yoga für mich und die Jungs: Tut gut, einmal von innen heraus so richtig durchzuwärmen. Valdez – Homer: wahrscheinlich einer der imposantesten Straßenabschnitte dieser Welt. Schade, dass mein Opa nicht dabei ist, Homer ist ein Paradies für Fischer! Opa würde viel drum geben, hier sein zu können – früher einmal ist er nach Kanada ausgewandert und dann wieder zurückgekehrt ins Burgenland. Wenn er von den Seen rund um Toronto erzählt, ist da heute noch diese Begeisterung in seinen Augen. Vielleicht haben mein Bruder Georg und ich das vom Opa: Träume nicht aufzuschieben, sondern zu leben, solange es Zeit ist – und die richtige Zeit dafür ist immer jetzt.

Nach Alaska lege ich daheim im Burgenland nur einen kurzen Zwischenstopp ein. Dann geht´s schon nach Hawaii, trainieren. Ich freu mich drauf! Jede Etappe genießen auf meiner Road to Pyongchang, es kommen noch viele.

Danke, dass ich euch auf diese Reise mitnehmen darf 🙂 Und danke an meine großartigen Reisebegleiter und – ermöglicher in Alaska: Georg, Fabian (Sublab), Tom, Andrew, Hansjörg (xdreamholidays), an LastFrontier Heliskiing und an alle, die diesen Tripp so einzigartig gemacht haben!

Ich melde mich aus Hawaii wieder!
xxoo Julia

Hier noch ein paar Fotoeindrücke von Georg – Fotos © by Dujmography: