Wieder zurück im Weltcup-Alltag. Platz 5 gestern in Kayseri. Voll ok nach der letzen Woche. Die Zeit, die seit dem Rennen der Rennen bei Olympia vergangen ist, habe ich gebraucht. Um wieder bei mir selbst anzukommen. Denn: Aus meiner subjektiven Perspektive als Athletin, die bei den Olympischen Spielen so gescheitert ist, funktionieren Tröstungsversuche wie „Naja, war ja nur ein Rennen von vielen“ oder „Ist doch egal, du bleibst ja dein Leben lang Snowboard-Olympiasiegerin“ nicht. Es braucht Zeit!

Jetzt war er also gekommen, der vielzitierte Tag X, von dem ich die vergangenen vier Jahre geträumt hatte. Der 24.02.2018, Olympia-Showdown in Pyeongchang. Anspannung, Neugierde, 100 Prozent Fokus. Die Momente im Starthaus, ich war ready, präsent, am Peak meiner Möglichkeiten – und dann… Der Outcome schmerzt. Platz 12. So enttäuschend für so viele, die den Weg vier Jahre mit mir gegangen sind. Am allermeisten enttäuschend für mich. Im ersten Moment ist man vor Enttäuschung und Fassungslosigkeit wie gelähmt. Viele Faktoren haben zu diesem Ergebnis geführt. Wenn eine Variable schwankt, schwankt das ganze System. Ich war überrascht von der offenen und weiten Kurssetzung. War mir nicht sicher, wie ich meine Technik auf diese Aufgabe anpassen soll. Habe am Start noch geglaubt, es wird schon passen, wenn ich einfach meinen Stil durchziehe. Doch im Grunde passte wenig. Und das am Tag wo alles passen sollte. Ich werfe mir vor, dass ich nicht mit allen möglichen Optionen gerechnet habe. Dass eine weitaus längere Board-Option mit mehr Radius unten unpräpariert im Waxraum stand, sowas darf nicht passieren. Ich bin dieses Board in sieben Trainingstagen nicht ein einziges Mal gefahren, weil die kurze Variante bei den drehenden Trainingskursen immer bestens funktioniert hat. Solche Gedanken gehen einem durch den Kopf, weil man die Niederlage analysieren und verstehen will. Die einfache Formel ist: Setup, Kurssetzung und meine Technik passten an dem Tag nicht zusammen – so einfach ist es am Ende und es ist nichts dran zu ändern. Und, um es klar zu sagen, ich habe an diesem Tag mein Maximum rausgeholt – nur Platz 12. Ab dem ersten Lauf spürte ich, dass ich nicht wirklich ins Fahren komme. Mein gewohnter Grundspeed: er war einfach nicht da.

Dann mein Interview. Ich war ehrlich gesagt froh, dass ich schon zuvor in Tränen ausgebrochen war und nicht live im TV 😉 Mir ging nichts durch den Kopf. Null. Frage, Antwort, das gewohnte Spiel. Ich war enttäuscht. In erster Linie von mir selbst. Aber auch von den Trainern in diesem Moment. Die Kurssetzung war für mich unverständlich. Die österreichischen Trainer durften die Laufsetzung bestimmen (eine Entscheidung, die bereits zwei Wochen vor dem Event feststand), hatten den Joker in der Hand und diese offene Variante einfach nicht trainiert in Korea. Irreführend für meine Materialauswahl. Im Nachhinein spielt all das keine Rolle. KLAR, kann man diesen Lauf so setzen! Es spricht nichts dagegen. Es ist meine Aufgabe als Athletin bereit am Start zu stehen und auch im ungewohnten Rhythmus zu performen – das ist mir nicht annähernd gelungen. Klarer Fail!

Auf dieses Zielraum-Interview bin ich oft angesprochen worden: viele, wie Sportmoderator Ernst Hausleitner, fanden es „extrem mutig und bewundernswert“, noch vor Ort den Rücktritt erklärt zu haben und einige fanden es auch „taktisch total unklug“. Die Frage zum Karriereende war geschickt gestellt – 5 Minuten nach meinem verhauten Olympia-Rennen. Ich habe aus meinem Gefühl heraus geantwortet, war ehrlich – und so entstand ein Rücktritt, den ich so ganz bestimmt nicht geplant hatte. Es tut mir leid, wenn ich einige dadurch enttäuscht habe.

Ehrlicherweise: Das war einer der wenigen Momente an diesem Tag, auf den ich mit Stolz zurückblicke. Weil es ein Moment war, in dem ich so in meiner Intuition und in meinem Gefühl war, dass kein Gedanke der Angst Platz hatte. Klar, ich hätte taktisch antworten können, dass ich jetzt mal die Saison fertig fahre und noch Zeit für meine Entscheidung brauche. Doch in Wahrheit war diese schon gefallen. Es ist nicht mein Stil, einfach zu bleiben um zu bleiben. Oder zu bleiben, nur wegen der Angst vor der Ungewissheit. Ich weiß, dass ich die letzten Jahre mein Möglichstes getan habe, um diesen Traum von Olympia-Gold in Pyeongchang wahr zu machen. Es hat nicht geklappt.

Wie verarbeitet man als Athletin so eine Niederlage? Work in progress würde ich sagen. Der Flashback am Morgen nach dem Rennen war heftig. Ich wollte mich am Liebsten einfach nur verstecken und hab mich gefragt: Ist das gestern wirklich alles so passiert? Tut schon echt weh. Tage, Monate, Jahre für dieses Rennen. Und dann dieser Outcome! Man hadert mit Details und zieht sich selbst immer wieder mit „Was-Wäre-Wenn Gedanken“ den Boden unter den Füßen weg. Klar poppt auch die Angst auf: Will ich das wirklich? Wie verdiene ich mein Geld? Wär es nicht sinnvoller einfach weiter zu fahren? 

Und dann erinnerte ich mich an das ORF-Interview zurück. Mein Karriereende. Es war eine Herzensentscheidung, die richtige Entscheidung. Ich kann darauf vertrauen. Alles gut, wie es ist. Ich bin manchmal eine Überraschungsbox, ich weiß, aber dieser Moment war selbst für mich überraschend. Ich glaube es sind die Schlüsselstellen im Leben, die einen weiterbringen, die einen aus der eigenen Komfortzone rütteln und dieses Rennen und dieses Interview, das war so eine Schlüsselstelle. Eine von vielen bisher.

Der Abend nach dem Rennen im Österreich-Haus. Ein wahnsinnig schöner und lustiger Abend. Meine Brüder und Freunde waren da. Ich habe eine sehr starke Verbindung zu meinen Brüdern. Sie haben mich geprägt, waren immer für mich da. Leistungssport ist Commitment in allen Bereichen. Trainieren, wenn andere feiern. Trainieren, wenn der Rest der Family noch bei den Weihnachtskeksen sitzt. Jeden Geburtstag meines Bruders verpassen, weil Rennwoche ist. And so on… Also wir standen im Österreich Haus, plötzlich umarmt mich mein jüngster Bruder und sagt zu mir: „Jetzt hab ich endlich wieder meine Schwester zurück. Fliegst du mit nach Bali?“

Hell yeah, wisst ihr wie sich das angefühlt hat? Es ist schön aufzuhören. Ehrlich, ich freue mich auf die Zeit, die jetzt kommt! Und ich blicke auf jeden Moment mit Dankbarkeit zurück. Auf die Momente der Niederlagen und der Verzweiflung nach den vielen Verletzungen. Auf die Momente der Erfolge, der Verbundenheit, auf die langjährige Challenge immer und immer wieder an mir selbst zu arbeiten. Ich habe jeden Moment genossen und geliebt. Jede Minute des Trainings, jeder Tag hat sich gelohnt. Weil der Weg mich mehr geprägt hat als das letztendliche Rennergebnis am 24.02.2018 in Pyeongchang. Es war eine intensive Zeit, die ich nicht voller hätte leben können.

Last but most from my HEART. DANKE, DANKE, DANKE an Alle, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben. Sponsoren, Partner, Trainer, Familie, Freunde,.. ohne Euch hätte ich diese, meine Geschichte, nicht schreiben können. Erstes Olympisches Gold für das Burgenland und das im Wintersport 🙂 Erstes Gold für den Snowboardsport in Österreich, und das als Mädl aus dem Bgld. Diese Fakten zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht, weil ich noch immer das kleine Mädchen mit dem Riesen Traum von einer Olympischen Medaille vor Augen habe. Ein Traum der so unrealistisch erschien.. und trotzdem wahr geworden ist. WEIL. Weil es sich lohnt zu träumen.

DANKE, the best is yet to come.

💛, Julia

 

Ps: keep your fingers crossed für die letzen beiden Bewerbe 🙂 Aktuell: Platz 3 Gesamtweltcup, Platz 2 PGS Gesamtweltcup.